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Presse / Publikationen / 2015_2017 /  

Welt ohne Religion

In der Gemengelage aus Traumatisierung, Angst vor Terror und Gewalt, hilflosem Entsetzen über für unvorstellbar gehaltene Gräueltaten oder auch Befürchtungen vor einer gravierenden Veränderung der kulturellen DNA in Deutschland und Europa wird Vieles in einen Topf geworfen. Umso mehr lohnt es, einige wesentliche Aspekte genauer zu betrachten und von den Quantité négligeable zu unterscheiden.

Dass die parlamentarische Demokratie sich nur noch sporadisch im Parlament abspielt und die Kanzlerin Regierungserklärungen lieber in Form von TV-Talks abgibt, scheint im Zeitalter der zu Ende gehenden Fernseh- und aufkeimenden Internetdemokratie wohl nicht reversibel zu sein. Damit korrespondiert das Unvermögen vieler Abgeordneter, sich in freier Rede eloquent und zugleich auch reflektierend auszudrücken und miteinander qualifiziert disputieren zu können. Umständlich Abgelesenes und abgedroschene Phrasen ohne besonderen geistigen Tiefgang beherrschen weitgehend den Alltag im Bundestag, dessen Sitzungen die Abgeordneten selbst wie auch ihr Wahlvolk schon lange nicht mehr von den Stühlen reißen.

Die Republik verändert sich in Design und Behaviour

Dass Journalisten kaum noch anders als mit sog. geschlossenen Fragen und darin eingeschlossenen provozierenden Unterstellungen oder die Antworten vorgebender Tendenz agieren, ist auch kein Ruhmesblatt der Zunft. Dass sich Interviews mit kürzer gefassten und sog. offenen Fragen nach einem „warum“ oder einem „was genau“ sogar mit mehr Penetranz und vor allem mehr Informationsgehalt gestalten lassen, könnte sich in den Journalistenschulen gern einmal wieder herumsprechen. Dann blieben dem Zuschauer auch unsinnige, wenn auch spektakuläre Verbalschlachten wie die zwischen Marietta Slomka und Sigmar Gabriel im ZDF-„heute journal“ erspart. Zumeist aber reagieren genervte Politiker auf konfrontativ aggressive Fragen mit einem ebenso ungeschickt abwehrenden Pauschaldementi, das keinerlei Erkenntnisgewinn bringt. Derartige Ausflüchte erscheinen dann oftmals eher wie eine Bestätigung, denn ein Dementi.

Dass in Nachrichten- und Sondersendungen in TV und Hörfunk unentwegt vermeintliche Terrorexperten nach ihrer Einschätzung befragt werden und dann häufig nur Plattitüden und Spekulationen oder von jedermann voraussehbare Schlussfolgerungen von sich zu geben vermögen, bereichert die Rubrik unnützer Zeitverbrauch, ist aber abgesehen von dem dadurch entstehenden Kostenaufwand unerheblich.

Gravierender wiegt, dass die Bundesregierung noch immer wenig Überblick über die Zahlen der Erstaufnahmen und den Verbleib der Flüchtlinge in den Bundesländern hat. Die Grenzkontrollen in Deutschland bieten genauso wie an den Südgrenzen der EU weiterhin keine Gewähr für die Abwehr etwaiger mit den Flüchtlingsströmen einsickernden Terroristen. Der tägliche tausendfache Zustrom wird nicht etwa gestoppt, sondern an ihren Südgrenzen leisten die Republik und auch die europäische Staatengemeinschaft gerade einen Offenbarungseid nach dem anderen.

Auch Charme und Eleganz gehen verloren

Der gemeinsame Auftritt von CDU-Kanzlerin Angela Merkel und CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer auf dem CSU-Parteitag in München geriet unversehens zum Duell. Seehofer lachte zwar sein lausbübisches Lächeln, ließ aber ansonsten jeden Charme vermissen. Elegant hätte er mit einer um Verständnis bittenden Formulierung eine ehrliche Brücke zu Merkel bauen und gleichzeitig seine Grundüberzeugung einer „Obergrenze“ betreffend die Aufnahme von Flüchtlingen und bei der Zuwanderung darin einbetten können.

Merkel hätte, anstatt mit verschränkten Armen bedröppelt daneben zu stehen, nach Seehofers Auf- und Vorführung noch einmal das Wort ergreifen und sich direkt an die Delegierten wenden können. „Ich verstehe Ihre Sorge und Ihr Anliegen“, hätte sie retournieren können, „und wir ringen gemeinsam um neue und europäische Lösungen“. Dann hätte sie die Delegierten in ihre Sicht der Dinge und die damit verbundenen Dilemmata hinein nehmen können. Damit hätte sie wahre Größe bewiesen und den Eklat vermieden. So aber blieben beide stur in ihrer Spur und brüskierten sich selbst.

Eine Bankrotterklärung des Westens

Geradezu wie eine Bankrotterklärung mutet an, dass die zivilisierte Welt, die zu Recht stolz auf die Proklamierung der Freiheits- und Menschenrechte ist, angesichts der Brutalität gehirngewaschener Menschenschlächter in ihrer geistigen Substanz in sich zusammenschrumpft. Über Jahrhunderte wurde in mühsamen Debatten und Auseinandersetzungen der säkulare Staat mit Gewaltenteilung und Funktionentrennung, demokratischen und rechtsstaatlichen Strukturen und der Trennung von Staat und Religion im Sinne der Augustinischen Zwei-Reiche-Lehre entwickelt. In einer langen Geschichte mit grausamen temporären Verfehlungen wie Hexenjagden oder Exzessen bei Kreuzzügen, aber auch einzigartigen kulturellen, wissenschaftlichen und technologischen Leistungen haben sich in der christlich geprägten Welt Toleranz, Respekt vor der Person des anderen und seiner Meinungs- und Gewissensfreiheit sowie die Menschenwürde etabliert und sind von hier in die Welt ausgestrahlt.

Je mehr aber für die Völker Asiens, des nahen und mittleren Ostens sowie Afrikas das neue Mekka und das Land, wo Milch und Honig fließen, im Westen und insbesondere in Deutschland, liegen, desto mehr scheinen immer größere Teile einer verunsicherten Elite im Westen ihr Heil nicht mehr in dem im Neuen Testament geoffenbarten trinitarischen und personalen Gott mit Christus als Erlöser des Menschen, sondern in den fernöstlichen Lehren eines Buddha und der Schamanen zu suchen. Wie ein hoher Priester des im Westen sich langsam ausbreitenden neuen Kultes eines intellektuellen Nihilismus formuliert ausgerechnet der Dalai Lama als religiöses Oberhaupt des Buddhismus, „dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr“ hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften“ würden ein Gewaltpotenzial in sich“ bergen. „Deshalb“ bräuchten „wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen.

Die Menschen könnten zwar „ohne Religion, aber nicht ohne innere Werte, ohne Ethik auskommen, sagt der Dalai Lama und fordert eine neue Ethik über nationale, religiöse und kulturelle Grenzen hinweg – eine rein säkular begründete Ethik, die zugleich für Atheisten und Agnostiker hilfreich und brauchbar sein soll.

Das Wesen von Religion verkannt

Richtig ist, dass jeder Mensch von Natur aus und mit dem Licht der natürlichen Vernunfterkenntnis, wie das 2. Vatikanische Konzil formulierte, die Existenz von Gut und Böse und Recht und Unrecht zu erkennen vermag. Jedem Ethos aber geht, wie Erzbischof Georg Gänswein am 25. November bei einer Veranstaltung aus Anlass des 4. Jahrestags der Rede von Papst Benedikt XVI. im Reichstag formulierte, der Logos, wie es Johannes zum Auftakt seines Evangeliums formuliert, voraus. Sprich: Alle Wertüberzeugungen und Grundrechtsansprüche bedürfen der Erkenntnis von Wahrheiten. Damit steht auch jeder Ethiker vor der Frage des Statthalters Pilatus an Jesus Christus: „Was ist Wahrheit?“ (Joh. 18,38).

Es war das Verdienst Benedikts, Glaube und Vernunft und damit die Postulate des christlichen Glaubens in Bezug zum natürlichen Sittengesetz zu setzen und den Dienst der Kirche als einen Dienst in der Welt und an der Gesellschaft unter gleichzeitigem Verzicht auf politische Privilegien und Herrschaft herauszustreichen. Pluralismus und Toleranz brauchen als Fundament die unbedingte Anerkennung der Würde jedes Menschen und daraus folgend dessen unabdingbares Existenzrecht. Dies ist im Letzten die Brandmauer einer Religion, die Wahrheit und Liebe als identisch darstellt, wie Benedikt dies in den ersten Worten seiner Enzyklika „Deus Caritas est“ zusammenfasst, gegen den Totalitarismus eines terroristisch verunstalteten Islamismus mit radikalen Elementen heutiger sunnitischer, salafistischer und wahhabitischer Prägung.

Wie auf zwei Seiten einer Medaille feierte die evangelische Kirche den vergangenen Sonntag als „Totensonntag“ und stillen Trauertag sowie ein Memoriam des „jüngsten Gerichts“, das die Gerechtigkeit offenbar werden lässt, während die katholische Kirche mit dem „Christkönigsfest“ auch ein Zeichen gegen den totalitären Säkularismus der Nazis setzen wollte. Ein stärkeres Bekenntnis zur Religionsfreiheit als Kernelement der unveräußerlichen Menschenrechte und der Würde des Menschen, die für religiös musikalische Zeitgenossen sich aus der Gottesebenbildlichkeit ableitet, könnte auch dem Verlangen nach Toleranz, Gewaltlosigkeit und pluralistischer Meinungsfreiheit mehr Respekt verschaffen. Dazu gibt es in diesem Advent nun reichlich Gelegenheit.

 

von Richard Schütze 27.11.2015

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