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Die Bundestagswahl wird für viele Politiker die letzte Runde Politik einläuten. Bei den Parteien steht ein Generationswechsel an, ihr Personal in der ersten Reihe ist ergraut.
 
Ein Flimmern vor den Augen, ein Druck auf der Brust, die unbändige Sehnsucht nach einer Prise Schlaf – dieser Job kann mörderisch sein. Für viele aber ist er mehr als ein Beruf. Er ist Berufung und Lebenselixier. Wie Matadore suchen sie den Ruhm in den Arenen der Medien und der Öffentlichkeit. Ohne Inszenierung, ohne Kampf und ohne Applaus fehlt ihrem Leben die Würze. Doch zuweilen streikt die Physis, versagt der Körper seinen Dienst. Obwohl sie weit zäher zu sein scheinen als andere, nagt auch an den politischen Alphatieren der Zahn der Zeit. Bei nahezu allen derzeit im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien geht das Führungspersonal bei den Wahlen am 22. September in seine letzte Runde.

CDU und CSU personell ausgedünnt

Bundeskanzlerin Angela Merkel (59) ist klug genug, nach der kommenden Legislaturperiode Schluss zu machen, sollte es ihr abermals gelingen, eine große oder wieder eine schwarz-gelbe Koalition anzuführen. Sie dürfte clever genug sein, schon ein Jahr vor den nächsten Bundestagswahlen, die voraussichtlich im Herbst 2017 stattfinden werden, den Stab an einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu übergeben. Mahnend steht ihr das Beispiel des „ewigen Kanzlers“ Helmut Kohl vor Augen, der 1998 nach 16 Jahren im Amt von seinem Nachfolger Gerhard Schröder vom Thron gestürzt wurde. Bereits Monate vor seiner Niederlage hatte der „Kanzler der deutschen Einheit“ bei einem Spaziergang Journalisten anvertraut, er werde allein schon deshalb abgewählt werden, weil beispielsweise die Erstwähler nie einen anderen Kanzler als ihn wahrgenommen und erlebt hätten. Die Jungwähler würden denken, er sei direkt nach dem 2. Weltkrieg von den Alliierten eingesetzt worden und wären nun seiner überdrüssig. Doch dem Altkanzler fehlten die Kraft und Einsichtsfähigkeit, früh genug die Reißleine zu ziehen und zugunsten eines Nachfolgers vom Amt ab- und vom Politbetrieb loszulassen. Nicht einmal dem ihm bis dahin treu ergebenen Wolfgang Schäuble hatte Kohl das Kanzleramt so recht zugetraut.

Im Gegensatz zu Kohl aber kann Angela Merkel nicht oder nicht mehr auf eine Riege von ihr geförderter oder zumindest geduldeter Führungspersönlichkeiten in der zweiten Reihe schauen. In ihrer Ära sind CDU und CSU personell ausgedünnt. Dies hat viele Gründe. Eine lange Liste von Hoffnungsträgern, angefangen von Friedrich Merz über Roland Koch, Karl-Theodor zu Guttenberg (KTG), Norbert Röttgen, Christian Wulff und Stefan Mappus bis hin zu David McAllister sind von der großen Bühne verschwunden und stehen auch als potenzielle Nachfolger nicht mehr zur Verfügung. Auch Thomas de Maizière gehört nach dem Drohnen-Debakel nicht mehr zur Ersatzreserve und Volker Kauder (64) scheint mit dem Amt des Bundestagspräsidenten zu liebäugeln. Der Kanzlerin fehlen die Kronprinzen. Als einzig starker Mann im Kabinett ist Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (54) verblieben, unter deren Durchsetzungsfähigkeit die Unionsfraktion oder zumindest deren männliche Mitglieder aber mitunter auch zu leiden scheinen. Der ehemalige CDU-Vorsitzende und seit Jahrzehnten in der Partei und in unionsgeführten Regierungen enorm einflussreiche derzeitige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zählt auch bereits 70 Lenze, hat alle Schlachten des Lebens geschlagen und wird sich als großer alter Krieger in den Rat der Weisen zurückziehen.

Kopf-an-Kopf-Finish

Auch die CSU kann auf Kanzlerniveau derzeit keine frischen Kräfte präsentieren. Ministerpräsident und Parteichef Horst Seehofer hat sich zwar gefangen und die ihm nachgesagte Sprunghaftigkeit offenbar in den Griff bekommen. Unter seiner Führung kratzt die CSU bei den Landtagswahlen am kommenden Sonntag, dem 15. September, mit vorausgesagten ca. 48 Prozent schon wieder an der absoluten Mehrheit der Mandate. Der 64-jährige Seehofer aber weiß, dass es dann auch für ihn in die letzte Runde geht. Mit dem ambitionierten bayerischen Finanzminister Markus Söder (46) steht nach dem Sturz des einst alle überstrahlenden Hoffnungsträgers KTG ein Nachfolger bereit, den auch die aus dem Bundeskabinett in bayerische Gefilde heimkehrende Ilse Aigner (48) nur schwer in Schach wird halten können.

Während in der Union hinter Merkel nur Merkel steht, stehen hinter ihrem SPD-Herausforderer und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück dessen Parteichef Sigmar Gabriel und die von der Gunst der Parteibasis immer weiter nach oben getragene NRW-Regierungschefin Hannelore Kraft. Nach dem TV-Kanzlerduell hat Steinbrück zwar zugelegt und das rot-grüne Lager scheint zwei Wochen vor der Wahl in einem Kopf-an-Kopf-Finish wieder zu schwarz-gelb aufzuschließen. Doch wenn Steinbrück auf den letzten Metern nicht doch noch entscheidend an Boden gewinnt, hat der 66-Jährige am 22. September ausgedient und wird als SPD-Führungskraft in politische Pension gehen. Die erst 52-jährige Hannelore Kraft hat dann alle Chancen, den als zu sprunghaft geltenden Sigmar Gabriel (53) als Spitzenkandidatin bei den Wahlen 2017 zu verdrängen. Es sei denn, der amtierende SPD-Vorsitzende nutzt seine Chance als Vizekanzler einer großen Koalition unter Merkel, um sich doch noch hinreichend zu profilieren und Kraft verschleißt sich bei den schwierigen Verhältnissen in NRW.

Schwer beschädigtes Personal

Bei den Grünen ist mit dem Sieg bei der Mitgliederbefragung von Katrin Göring-Eckardt (47) über Parteichefin Claudia Roth (58) der Machtwechsel schon eingeleitet. Die Partei ist mit den Jahren immer mehr ergraut und wie eine der ihr einst verhassten Altparteien geworden. Die Grünen benötigen dringend eine verjüngende Auffrischung. Für den kämpferischen Jürgen Trittin (59) bedeuten die bevorstehenden Bundestagswahlen die letzte Chance, noch einmal in ein Regierungsamt zu kommen. Sollte es am 22. September wider Erwarten für Rot-Grün reichen, wäre Trittin schlau genug, als Vizekanzler nicht in das Außenamt, sondern in das viel einflussreichere Finanzministerium einzuziehen.

Auch den Liberalen ist in Berlin viel Spitzenpersonal abhanden gekommen oder schwer beschädigt worden. Ex-Parteichef und Außenminister Guido Westerwelle (51) ist ebenso wie Parteichef und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (40) zwar noch jung an Jahren, aber politisch bereits ramponiert. Zu Recht hat die FDP ihren Fraktionschef Rainer Brüderle als Spitzenkandidat auf den Schild gehoben und nach vorn geschoben. Doch der bereits 68-Jährige geht nun auch schon in seine letzte Runde. Hinter ihm wartet der nach NRW desertierte erst 34-jährige Christian Lindner auf seine Chance. Dem auch von FDP-Übervater Hans-Dietrich Genscher geförderten Lindner scheint bei den Liberalen die Zukunft zu gehören. Proportional und im kleineren FDP-Maßstab gesehen erarbeitet Lindner sich gerade eine Aura wie der einst jungfürstliche KTG.

Periode des Übergangs

Nach den quirligen, aber unter den Jahren gealterten und verschlissenen Schlachtrössern Gregor Gysi (65) und dem bereits ins Saarland heimemigrierten Oskar Lafontaine (69) übernehmen der dem Altersdurchschnitt ihrer Mitglieder nach ältesten deutschen Partei zwei junge Frauen das Zepter. Dabei steht die erst 35-jährige Dresdnerin Katja Kipping als Bundesvorsitzende der Linkspartei intellektuell im Schatten von Sahra Wagenknecht, der 44-jährigen Lebensgefährtin von Oskar Lafontaine. Neben ihrem Amt als stellvertretende Bundesvorsitzende wurde die an die Revolutionärin Rosa Luxemburg erinnernde Wagenknecht soeben zusätzlich noch als Doktor rer.pol. in Volkswirtschaft mit einem „magna cum laude“ promoviert und plaudert als gediegene Nachfolge-Rednerin von Peer Steinbrück auch gern einmal auf diversen Foren mit Bankern.

Der 18. Deutsche Bundestag wird eine Periode des Übergangs sein. Alle Parteien werden sich an ihren Köpfen erneuern müssen – ob ihnen dies dann auch an ihren immer älter werdenden Gliedern gelingen wird, ist eine der Zukunftsfragen des politischen Betriebs in dieser Republik.

von Richard Schütze
09.09.2013