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Nur die Blazerfarbe ist egal

Wer anfängt, ist klar. Wer das letzte Wort hat, auch: Beim TV-Duell der Kanzlerkandidaten wird wenig bis nichts dem Zufall überlassen. Dass Peer Steinbrück und Angela Merkel dafür trainieren, ist kein Geheimnis. Das müssen sie auch: Sie können viel gewinnen – und verlieren. 
 
Beide Lager werden das TV-Duell 2009 lange studiert haben. Herausforderer Frank-Walter Steinmeier (SPD) machte im Vergleich zu Amtsinhaberin Angela Merkel (CDU) 90 Minuten lang eine gute Figur. Seine Sympathiewerte gingen hoch, doch der Effektverpuffte schnell. Der Herausforder muss ein Thema setzen, das die letzten Wochenvor der Wahl die öffentliche Diskussion dominiert, sagt Carsten Reinemann. Der Publizistikprofessor an der Universität München hat alle TV-Duelle seit 2002 analysiert und Eindrücke der Zuschauer sekundengenau gemessen. Schon allein wegen derumfangreichen Vor- und Nachberichterstattung seien TV-Duelle enorm wichtig für dieKandidaten. Wer zurückliegt, kann viel gewinnen, sagt Reinemann.

Trainieren wie Philipp Lahm

Wer aber einknickt, hat ein Problem: Der Kandidatmüsste durch viele Bierzelte tingeln, um an die Zuschauerzahlen wie beim Duell heranzukommen.Der goldene Schuss, den sich der Kandidatversehentlich selbst ins Knie schießt, ist dannabgefeuert und kann nicht mehr zurückgeholt werden, sagt Richard Schütze, der als Medien- und Politikberater Politiker, Verbände und Unternehmen berät. Deswegen müssten die Kandidaten vor dem Duell gezielttrainieren und rhetorische Situationen simulieren, selbst wenn beide erfahrene politische Profis sind. Spitzenfußballspieler wie Philipp Lahm brauchen auch einen Trainer, sagt Schütze. Eloquenz, treffende Argumente, die richtigen Sprachbilder - auf das Timing komme es am Sonntag an.

Das weiß auch Peer Steinbrück. Er muss den Angreifer geben. Doch damit steckt er in einer Zwickmühle: Nur wenn er möglichst konkret wird, kann er sich von Merkels Politik abgrenzen. Nur irgendwie beispielsweise die Euro-Schuldenkrise lösen zu wollen, wäre zu dünn. Nur: Konkretes polarisiert. Auch wenn es einen Demokraten erschrecken mag: Häufig kommen allgemeine, unkonkrete Aussagen beim Zuschauer gut an, weiß Reinemann aus seinen Untersuchungen. Müsste er Steinbrück einen Rat geben, wäre er dennoch für Angriff: Wenn er im Wabernden, Flauschigen bleibt, dann gibt es fürden einen oder anderen SPD-Anhänger vielleicht doch keinen Grund, zur Wahl zugehen.

Sagt sie oder er, was er wirklich denkt?Und noch eine Zwickmühle muss Steinbrückvermeiden: Er muss rhetorisch Luft rauslassen. Normalerweise, sagt Politikberater Schütze, braucht Steinbrück ein ihm gegenüber eher skeptisch eingestelltes und eher akademisch vorgebildetes Publikum. Dann sei er gut. Doch das hat er am Sonntag nicht. Zusätzlich muss er auch die eigenen Anhänger in der Südkurve bedienen, die das Vereinslied singen wollen.Umgekehrt könne auch für Merkel Steinbrücks Rhetorik gefährlich werden. Lässt sie sich auf ein volkswirtschaftliches Proseminar ein, dass er ihr aufzwingenkönnte, steht sie vermutlich schlecht da. Schütze vermutet, dass die Kanzlerin mit ihrer gewohnt präsidialen Attitüde auftreten werde: Ruhig, berechenbar, konzentriert: Alles ist gut, wie ich es mache! Das kann rhetorisch langweilig werden, aber auf einen direkten Schlagabtausch mit Steinbrück sollte sie sich nicht einlassen, rät Schütze. Letztlich sei nur wichtig: Kommen die Kandidaten echt und wahrhaftig und insgesamt authentisch rüber: Sagt sie oder er das, was er wirklich denkt? Das wollen die Leute wissen, so Schütze.

Krawatte wird überschätzt

Was die Wähler weniger interessiert: Welche Blazerfarbe Merkel wählt, ob Steinbrücks Krawatte schief oder gerade sitzt. Das wird alles überschätzt, sagte Reinemann. Aus seinen Untersuchungen weiß er: Die Zuschauer achten auf das gesprochene Wort, weil sie sich ja Hinweise auf ihre Wahlentscheidung erhoffen. Und wenn sie über Persönliches reden, dann bitte mit Sinn: Gerhard Schröder durfte 2002 zwar über seine Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen reden – aber nur um Bildungschancen zu thematisieren. Die Wähler hätten, so Reinemann, ein sehr feines Gespür dafür, was passt – und was eben nicht. Nur mit seiner Liebeserklärung 2005 an seine Frau hatte Schröder Glück. Die wareigentlich zusammenhangslos – aber weil alle Medien darüber hinterher berichteten, wieder gut für Schröder. Haarscharf daneben trifft manchmal eben doch.

von Kristina Hofmann
31.8.2013